DAS PAKET

Sein oder nicht Sein: Psychothriller „Das Paket“ sorgt für Nervenkitzel in der Stadthalle

Kulturverein Holzminden eröffnet Theatersaison mit Adaption von Sebastian Fitzeks Bestseller

Szene aus „Das Paket“: Postbote Salim versetzt Emma mit seiner Lieferung in Angst und Schrecken.
Postbote Salim (Alejandro Ramon Alonso) übergibt Emma (Alexandra Maria Johannknecht) „Das Paket“. Foto: Katharina Lange

Schon der Name des derzeit wohl erfolgreichsten deutschen Autors besitzt Anziehungskraft: Sebastian Fitzeks „Das Paket“ lockte ein großes Publikum in die Holzmindener Stadthalle. Einen Theaterabend voller Spannung und überraschender Wendungen hatten die Verantwortlichen des Kulturvereins versprochen – und genau das bekamen die Zuschauer vom Ensemble des Berliner Kriminal Theaters geboten.

Skeptiker mögen fragen: Ein Thriller auf der Theaterbühne – geht das überhaupt? Die Antwort lautet ja! Das Berliner Kriminal Theater versteht sich hervorragend darauf, Gänsehaut-Stoff auf die Bühne zu bringen. Das bewiesen Aufführungen wie „Passagier 23“ und „Die Therapie“, mit denen das Ensemble bereits in Holzminden zu Gast war. „Das Paket“ reiht sich auf beeindruckende Weise in die Erfolgsgeschichte ein.

Die Handlung beginnt dramatisch: Psychologin Emma (eindrucksvoll gespielt von Alexandra Maria Johannknecht) wird nach einem Fachkongress in ihrem Hotelzimmer betäubt und vergewaltigt. Außerdem schneidet ihr der Täter die Haare ab – genau wie der seit Wochen von der Polizei gesuchte Serienmörder „Der Friseur“. Aber so deutliche Parallelen es zwischen den Taten des „Friseurs“ und dem Überfall auf Emma gibt, so deutlich treten die Unterschiede zutage, allen voran die Frage, warum Emma überlebt hat. Nach und nach beginnt selbst ihr engstes Umfeld an ihrer Geschichte zu zweifeln. Emma entwickelt eine starke Paranoia, in deren Verlauf Realität und Wahnvorstellung immer schwerer zu unterscheiden sind. Was ist Wirklichkeit, was Einbildung? Oder hat sie sich am Ende alles nur ausgedacht?

Emma und ihr langjähriger Freund und Vertrauter Konrad.
Prof. Konrad Luft (Jean Mesaér), langjähriger Freund Emmas, möchte ihr helfen. Foto: Katharina Lange

Diese Unsicherheit greift auf das Publikum über. Unwillkürlich tauchen Fragen auf, die Emmas Urteilsvermögen und Glaubwürdigkeit untergraben: Gibt es diese und jene Person tatsächlich und hat Emma wirklich mit ihr gesprochen? Oder ist sie ein Hirngespinst wie der vermeintliche Freund aus Kindertagen, den sie nur mithilfe einer Psychotherapie überwinden konnte? Und was schlummert da noch in ihrer Vergangenheit – und der ihres Umfeldes?

Diese Fragen und dramaturgisch clever eingestreute Puzzleteile des Ganzen halten den Spannungsbogen über die gesamten zwei Stunden Spielzeit aufrecht. Dabei helfen auch verschiedene Erzählebenen und Techniken, diese zu inszenieren. So wird zum Beispiel ein Video von Emma auf die Bühnenrückwand projiziert, in dem sie einleitende Worte zu den Gegebenheiten rund um das an ihrer Wohnungstür abgegebene „Paket“ spricht. Spannungsvolle Musik und der Einsatz von Licht und Schatten im reduzierten Bühnenbild tun ihr Übriges, um dem Genre gerecht zu werden. Es funktioniert: Zum Beispiel als die schlichte Bühnenrückwand, rückseitig angestrahlt, plötzlich zum Raumteiler wird und die Figuren dahinter als unheimliche Scherenschnitte auftauchen. Die Undeutlichkeit der Szenerie erzeugt Unbehagen und regt die Fantasie des Zuschauers an.

Großer Applaus für das Ensemble des Berliner Kriminal Theaters.
Das Ensemble des Berliner Kriminaltheaters (v. l.): Oliver Gabbert, Lennart Hillmann, Thomas Wingrich, Alexandra Maria Johannknecht, Jean Mesaér, Mathias Kusche, Saskia Crehl und Alejandro Ramon Alonso. Foto: Katharina Lange

Die Darsteller brillieren in diesem Stück, allen voran Alexandra Maria Johannknecht, die den Wandel ihrer Figur von der lebensfrohen, selbstbewussten Psychologin zum paranoiden Nervenbündel überzeugend spielt. Die Bandbreite an Emotionen, die Achterbahnfahrt der Gefühle, auf die sie das Publikum mitnimmt, und der zum Teil rapide Wechsel zwischen den Erzählebenen – szenische Darstellung in Interaktion mit den anderen Figuren und Monolog in personaler Erzählweise – sind beeindruckend.

Auch die anderen Darsteller, besonders Jean Mesaér als Professor Konrad Luft und Thomas Wingrich als Emmas Ehemann Philip, geben ihren Charakteren die Tiefe, die den Zuschauer permanent zweifeln lässt: Ist diese Figur gut oder böse? Kann man ihr vertrauen? Was hat sie zu verbergen? Und schließlich: Was kann man noch glauben?

Sebastian Fitzek ist bekannt für seine unvorhersehbaren Wendungen, die scheinbare Wahrheiten enthüllen, nur um sie kurz darauf in einem weiteren Twist ins Gegenteil zu verkehren. In all den Wendungen den Überblick zu behalten, ist eine Kunst, die dem Berliner Kriminal Theater gelingt – auch wenn das Tempo am Schluss rasant zunimmt und dem Zuschauer volle Konzentration abverlangt. Am Ende entwirrt sich das Handlungsknäuel, der Zuschauer bekommt seine Wahrheit. Aber die lässt ihn verblüfft, entsetzt und mit einem Gefühl der Beklemmung zurück – wie es sich für einen guten Psychothriller gehört.