MAN KANN AUCH IN DIE HÖHE FALLEN
Mit Gartenarbeit, kalten Bädern und Mutterliebe aus der Lebenskrise
Das Junge Theater Göttingen begeistert mit Inszenierung von Joachim Meyerhoffs Erfolgsroman

Es ist eine Schlüsselszene am jüngsten Theaterabend in Holzminden: Joachim und seine Mutter genießen die grandiose Aussicht auf ihren Garten. Hier liegt das Lebenswerk seiner Mutter vor ihnen, hier erzählt sie ihm ihre Lebensgeschichte, ehrlich und schonungslos. Die Lebensgeschichte der Frau, die Erfolgsautor Joachim Meyerhoff ins Zentrum seines Romans „Man kann auch in die Höhe fallen“ gestellt hat. Mit der Inszenierung des Jungen Theaters Göttingen hat der Kulturverein Holzminden einen ebenso unterhaltsamen wie ernsthaften Stoff auf die Bühne der gut besetzten Stadthalle geholt, der das Publikum begeisterte.
Die Handlung beginnt, als Schauspieler und Autor Joachim, mit Mitte 50 in einer ausgewachsenen Lebenskrise, auf der Suche nach Ruhe und Erholung zu seiner Mutter aufs Land an die Ostsee flüchtet. Wobei er sich und seinem Umfeld einredet, er täte dies, um seiner 86-jährigen Mutter zur Hand zu gehen. Dort angekommen, beeindrucken Joachim die Energie und Lebensfreude, mit der seine Mutter ihren Alltag bestreitet. Sie gärtnert, schwimmt in der kalten Ostsee, ist Mitglied im Chor und im Literaturkreis – und gibt ihrem Sohn am Ende die Hilfe, die er braucht, um sich seinen Dämonen zu stellen.

Dabei wechseln sich irre komische Situationen mit ernsthaften und berührenden Momenten ab. So bringt z. B. Joachims Mutter ihre mütterliche Fürsorge in einer sehr direkten Art ungeschönt zum Ausdruck: „Wenn man dich so anguckt, wird man schlagartig unglücklich.“ Oder: „Du siehst aus wie der Tod – so ganz in schwarz gekleidet und kreidebleich. Fehlt nur noch die Sense.“
Das Zusammenspiel von Humor und Tiefgang zeichnet Meyerhoffs Romane aus. Die Inszenierung des Jungen Theaters Göttingen trifft diesen Ton genau. Das Publikum erlebt sketchartige Interaktionen zwischen Mutter und Sohn sowie nachdenkliche und bedeutungsschwere Monologe.

Das Ensemble des Jungen Theaters Göttingen liefert wieder einmal eine bravouröse Leistung: Jens Tramsen als Joachim und Agnes Giese als seine Mutter spielen ihre Rollen überzeugend und einnehmend. Thyra Uhde und Fynn Knorr schlüpfen in mehrere Nebenrollen und zeigen dabei eine große Wandelbarkeit. Zudem erzeugen sie live auf der Bühne Geräusche, die Handlung und Bühnenaufbau kreativ ergänzen. Die Wahl der Utensilien setzt eine weitere humoristische Note: So wird das Zuschnappen einer Kofferschnalle zum Zuschlagen einer Autotür oder das Gehäuse eines Briefkastens zum Quietschen eines einfahrenden Zuges.
Mit der schrittweisen Annäherung von Mutter und Sohn zeigen die Figuren eine Tiefe, die das Publikum betroffen macht und zugleich hoffen lässt. Hoffen darauf, dass Joachim, nachdem er zu seiner Familie nach Berlin zurückkehrt, und uns allen das gelingt, was seine Mutter bereits geschafft hat: „Je älter ich werde, desto glücklicher bin ich.“ Was für eine Aussicht!
